Caroline Streck

Maßlose Malerei – Zu den neuen Werken von Caroline Streck (2018)

Das Wissen tötet den Instinkt. Man macht nicht Malerei. Man macht seine Malerei.
Maurice de Vlaminck

Die uralte Frage nach dem „Was“ stellt sich jeder Malerin und jedem Maler neu. Spielt die Welt der Dinge im Bild noch eine Rolle? Gibt es eine Verankerung im unmittelbar Erlebten und Angeschauten? Oder wird Farbe
eher als selbständiges Ausdrucksmittel, als Materie, als Energieträger verstanden?

Zurück von ihrem zweijährigen Aufenthalt in London, wo sie am Chelsea College of Arts ein Masterstudium abschloss, hat Caroline Streck eine Serie von Gemälden mitgebracht, die ihre bisherige künstlerische Entwicklung konsequent fortschreiben. Die bereits zuvor erkennbar gewordene Zuwendung zu einer gegenstandslosen Malerei wurde nun vollständig vollzogen. Den Weg dorthin beschreibt Caroline Streck als einen notwendigen Prozess des Loslassens, der längst nicht nur den Gegenstand, sondern ihre malerische Herangehensweise in einer ganz grundsätzlichen Weise betrifft. Denn im Zuge dessen hat sie sich nicht nur von den Dingen und ihrem Bedürfnis nach malerischer Wirklichkeitsaneignung, sondern auch vom vergleichenden Blick auf das fotografische Vorbild, vom Planen und Messen verabschiedet. Anstelle der Jalousien und Rollos, der Gardinen und Geranien, die etwa ihre früheren Fensterbilder kennzeichneten, beherrschen Streifen, Linien, Muster und Flächen die neue Bildwelt von Caroline Streck.

Inspiration sucht sie allerdings weiterhin erfolgreich vor ihrer Ateliertür. Während der Auslandsaufenthalte zwischen 2014 und 2017 in Istanbul und London hat Caroline Streck mit wachen Augen die Räume der Metropolen durchmessen, hat Architekturen und Oberflächen studiert, nach Perspektiven gesucht und das ungeordnete Nebeneinander im Alltäglichen gefunden. Aus einer intensiven Reibung mit dieser unstrukturierten Wirklichkeit des Großstadtgetriebes gewinnt sie den Formenapparat und den Rhythmus ihrer Bilder: die Vergitterungen und Brechungen, das Harte und Chaotische, das Schrille und das Matte – alles atmet gleichermaßen die Überhitzungen und die Kälte der großen Stadt. Aus ihrem Reizgeflecht konstruiert sie ihre jüngsten Bilder, daraus erwachsen die oftmals bis in den Beschnitt reichenden Strukturen, daraus entsteht eine neue, manchmal aufdringlich laute, manchmal ruppig-trashige aber niemals langweilige Bildwirklichkeit.

Einige ihrer Malereien als Wandarbeiten im öffentlichen Raum zu zeigen, sie zu einem Teil des Stadtbildes, der Architektur werden zu lassen, erwies sich als spannendes Experiment. Ihre Kompositionen können sich im Rahmen einer gegebenen Situation durchsetzen, sie bleiben erkennbar, als das, was sie sind: eigene Stimmen im Stakkato des polyphonen Großstadtlebens. Die Freiheit vom Gegenstand hat Caroline Streck zu einer größeren Unmittelbarkeit, zu einer skizzenhaften Spontaneität im malerischen Tun geführt. Leiten lässt sie sich von den eigenen wechselnden Eindrücken und Stimmungen, die in sehr konkreter Form als Schichtungen von Farbe Eingang in das Bild finden. Die Leinwand wird so zu einer Verdichtungsmaschine
von Zeit, zum Speichermedium des Situativen. Das was eben noch da war, wird überlagert von neuem und bleibt dennoch ein unsichtbarer Bestandteil des Bildes. Hinter der Rohheit der Oberfläche liegen die vielen Schichten des Vergangenen. Hinter einer Handschrift, die von einem schnellen Malakt erzählt, liegt ein manchmal langwieriger Weg zum fertigen Bild. Intensive Spuren der Bildfindung, der hier und da durchscheinenden Farbschichtungen, weisen auf die potentiellen Alternativen des schließlich zum Schlusspunkt gelangten Werkes hin. Malen erweist sich nun als lustvolle Unvernunft, als produktive Maßlosigkeit. Jede neue Farbschicht zerstört das Vorhandene und behauptet sich schließlich vor dem Spektrum seiner möglichen Varianten: Für Caroline Streck eine weitere Übung im Loslassen des eben
noch Gültigen im Vertrauen auf ihre Intuition, ihr Augenmaß, ihre pinselführende Hand.

Martina Padberg, freie Kuratorin und Kunsthistorikerin, Bonn




Gestreifte Dialektik (2017)

Auf den Gemälden, die Caroline Streck anlässlich der Ausstellung saarart 2017 zeigt, sieht man regelmäßige Querstreifen in verschiedenen Farben. Die Streifen und ihre Zwischenräume befinden sich besonders in den kleinformatigen Bildern nahe ihrer synthetischen Selbstaufhebung, weshalb eine genaue Anzahl der Streifen schwer zu bestimmen ist. Ein lockerer Zählversuch bei den orthodoxeren Exemplaren, „big yellow stripes, 2014“ oder „small stripes (red, white), 2014“ ergab 28 beziehungsweise 14 weiße Streifen auf dunklem oder farbigem Grund. Schließt sich nach der Geburt der Kunstgeschichte aus dem Geist des Faltenzählens mit dem zeitgenössischen Streifenzählen ein Kreis? Ist die Autonomie der Kunst das Ende oder das Ergebnis der Teleologie der Kunst? Welchen Grad dialektaler Ausgefärbtheit kann sich die Kunst gegenüber ihrem dialektisch blickenden Betrachter leisten? Schaut man sich die moderne und die zeitgenössische Kunst an, hat die Befreiung vom Gegenstand sie buchstäblich hinter Gitter gebracht. In der Ausmessung dieser Eigenzellen liegt nun die Selbstbeschreibungsaufgabe der künstlerischen Praxis. Das funktioniert gut mit Streifen, wie man von Jasper Johns Flaggenbildern über Daniel Burens Markiseninterventionen bis zur Selbstbespiegelung in Anselm Reyles Megaformaten sehen kann. Gibt es zwischen diesen Diskursstreifen noch einen Zwischenraum für Carolines Malerei? Gäbe es einen besseren als das Saarland, wo Dialekt und Dialektik lebendig sind, zwischen Stahlbautechnik und Rollladenbauerhandwerk, im Schoße Europas? In Carolines Gemälden findet man einen west-östlichen Blick, einen Blick, der sowohl nach Innen als nach Außen leitet. Während sie bei früheren, illusionistisch verspielten Aneignungen geometrischer Muster funktionaler Alltagseinrichtungen noch mit der Perspektive verführte, lässt sie in den jüngeren Gemälden den Standpunkt des Betrachters offen. Ihr Markenzeichen, den Rollladen, der noch Synekdoche war für jenes Fenster zur Welt, welches den Anfang der Tafelbildmalerei markiert, hat sie hochgezogen. Die berechnete Perspektive auf den Horizont (respektive die Lamelle), die das bürgerliche Subjekt gleichzeitig mitschuf und begrenzte, wird im gestischen Hin und Her einer optimistischen Farbpalette aufgelockert, aufgeweicht, aufgezogen. Die Farbfläche breitet sich aus, und was von der Feinmechanik der Jalousie noch geblieben ist, ist wie eine Reminiszenz an eine Zukunft, in der die Farbe, das Licht, die Menschen, sich frei bewegen.

Lukas Baden